Gegen den Strom

07. Februar 2026: Der Chamerauer Bürgermeister will seine Gemeinde stromautark machen: Doch auf dem Weg zum Wasserkraftwerk am Regen stößt er auf ungeahnte Hürden. Eine Zwischenbilanz.
Bürgermeister Stefan Baumgartner

„Es wäre alles perfekt!“ Stefan Baumgartner steht am Regenufer und schaut aufs hölzerne Wasserrad. Das liefert derzeit 20 Kilowattstunden Strom. Aber der Regen könnte mehr. „Dürften wir die zwei Schachtkraftwerke bauen, würden wir zwei Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. Das reicht für 800 Haushalte“, überlegt der Chamerauer Bürgermeister. Den Traum vom energieautarken Ort versucht Baumgartner seit drei Jahren, in die Tat umzusetzen. „Es ist zum Verzweifeln“, seufzt der Bürgermeister. Denn kaum glaubt er, eine Hürde genommen zu haben, taucht beim nächsten Behördengang ein neuer Stolperstein auf. Mal geht es um Kleinstlebewesen im Wasser, dann wieder um mögliche Hochwasserfolgen.

Wasserkraft liefert grundlastfähigen Strom„

Ich lebe ja selber an diesem Fluss. Mir ist es absolut wichtig, dass das Projekt keine negativen Auswirkungen auf den Flusslauf hat, keinen Oberlieger in Mitleidenschaft zieht und keine Muschel- oder Fischart gefährdet“, versichert Baumgartner mit fester Stimme. Man glaubt es ihm, wenn er erzählt, dass er mit der Wasserkraft etwas Positives bewirken will. „Mir geht’s um die Energiewende“, betont er. Die Gemeinde liegt am Wasser, umgeben von viel Überschwemmungsfläche und einigen Höhen. „Mit Freiflächenphotovoltaik und Windkraft geht bei uns nicht viel“, schlussfolgert der Bürgermeister. Was aber geht, ist die Wasserkraft. Das bestehende Holzrad beweist es. „Da wäre noch sehr viel mehr möglich“, sieht Baumgartner Potenzial, „vor allem ist die Wasserkraft grundlastfähig.“ Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, fließt das Wasser trotzdem den Regen nach unten.

Eine Energie, die Baumgartner nutzen will. Vor drei Jahren nahm er sich des Projekts an und suchte sich einen Planer. Gefunden hat er einen pensionierten Professor der Technischen Universität München. Der hat das Konzept der Schachtkraftwerke entwickelt und an der Loisach schon realisiert. Eine Delegation aus Chamerau war vor Ort. „Da sind die Voraussetzungen genau dieselben wie bei uns“, zieht Baumgartner den Vergleich. Die Schachtkraftwerke würden also auch am Regen funktionieren, sind der Rathauschef und der Experte überzeugt.

Die Chamerauer bekommen Anteilsscheine

Baumgartner geht einen Schritt weiter und stellt die Idee den Chamerauern vor. Denn die sollen den Ertrag ernten. Eine Bürgergenossenschaft schwebt ihm vor, deren Anteilsscheine vor allem die Chamerauer kaufen können. Die Aufgeschlossenheit im Ort ist groß. „Ich habe noch keinen gehört, der was dagegen hat. Ganz im Gegenteil, ich werde ständig gefragt, wann es jetzt endlich losgeht“, versichert der Bürgermeister.

An ihm liegt’s nicht, dass drei Jahre außer Gutachten und Stellungnahmen nichts passiert ist. „Das macht einen mürbe“, bekennt der 48-Jährige, der noch immer an sein innovatives Vorzeigeprojekt glaubt. Herr des Genehmigungsverfahrens ist das Landratsamt Cham. „Von dort erfahre ich viel Unterstützung, auch der Herr Landrat steht dahinter“, versichert Baumgartner. Aber damit die Behörde einen rechtssicheren Genehmigungsbescheid erlassen kann, der notfalls auch vor Gericht Bestand hätte, braucht es die nötigen einvernehmlichen Stellungnahmen der Fachbehörden. Und beim Wasserwirtschaftsamt sind Zweifel zu hören. Nicht wegen des Hochwassers, dafür hat Baumgartner längst hydraulische Gutachten, die belegen, dass sich über die Schachtkraftwerke der Abfluss im Falle eines Falles sogar besser regeln ließe als bislang. Auch die Fischer hofft Baumgartner befriedet zu haben: „Wir bauen eine neue Fischaufstiegshilfe“, sagt er und deutet auf einen Bachlauf, der neben dem Regenfluss fließt. „Damit verbessert sich sogar die Situation“, ist er überzeugt. An die Bootsfahrer hat Baumgartner ebenfalls gedacht. Sie bekommen eine neue Wanne, um unfallfrei nach unten zu rutschen.

An 30 Zentimetern scheiden sich die Geister

Was die Herren des Wasserwirtschaftsamts zweifeln lässt, ist das geplante Plus von 30 Zentimetern bei der Wehrhöhe. „Das brauchen wir, sonst würde unser Wehr trocken laufen. Und dass das Wasser über die Wehrstufe fließt, ist ortsbildprägend“, will Baumgartner in diesem Punkt keine Kompromisse machen. An der Optik soll sich nämlich nicht viel verändern: Die Schachtkraftwerke laufen unterirdisch. Sprich: Wer im Biergarten sitzt und auf den Fluss blickt, soll weiterhin das über die Steinbrocken plätschernde Wasser sehen. Nur eben, dass hinter der Wehrkante eine Spundwand eingesetzt wird. Die soll dafür sorgen, dass das Wasser nicht durchs Wehr sickert, sondern zu den zwei Schächten geleitet wird, dort zwei Meter tief nach unten fällt und zu den beiden Turbinen fließt. Dort wird Wasserkraft zu Strom verwandelt.

Es geht sogar noch mehr. „Wir können dem Wasser die Wärme entziehen. Dann hätten wir sogar noch Fernwärme, um umliegende Gebäude zu heizen“, sieht Baumgartner weiteres Potenzial.

Vor wenigen Tagen hat wieder ein Erörterungstermin stattgefunden. Und wieder äußerten die Wasserrechtler Bedenken. Nun fordert die Fachbehörde eine umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfung. „Das ist doch eine Salamitaktik“, ärgert sich Baumgartner über die neuen Stolpersteine. Er holt eine Anordnung des Wirtschaftsministeriums hervor, dazu ein EUGH-Urteil, wonach Anlagen zur erneuerbaren Energieerzeugung von übergeordnetem öffentlichem Interesse sind. „Was wiegt mehr? Energiewende oder ökologischer Eingriff?

“Baumgartner hat Sorge, dass ihm die Baukosten davonlaufen, je mehr Zeit vergeht. Schon jetzt rechnet er mit Kosten von mehreren Millionen Euro.

„Aber das wird nicht billiger“. 2026 soll die Entscheidung fallen, fordert er. Er ist von seiner Idee überzeugt und versichert kämpferisch: „Ich geb da nicht so schnell auf.“